Aus dem Leben einer Hure
Wie alles begann…
Das Café ihrer Wahl ist klein und gemütlich. Die Einrichtung, mit den großen Ohrensesseln und den Spitzendecken auf den Holztischen, erinnert an ein altmodisches Wohnzimmer. Natalie bestellt eine heiße Schokolade: „Mit fettarmer Milch und Süßstoff bitte.“
Nervös klimpern ihre dunklen Wimpern bevor sie beginnt zu erzählen. Geboren ist sie in Russland, in einem kleinen Dörfchen nahe Nowosibirsk. War immer eher der Outsider als ein integriertes Familienmitglied: „Ich denke, das wird wohl auch immer so bleiben, ich bin eben anders.“
Natalie, damals noch Alexej, war ein einsames Kind, sagt sie. Die Puppen mit den Namen Sintja, Selina und Magdalena wurden ihre einzigen Freundinnen und ihre stillsten Verbündeten. „Ich habe diesen Puppen wirklich alles erzählt. Wenn es mir schlecht ging, wenn es mir gut ging und wenn ich einfach nicht mehr weiter wusste.“
Mit sechzehn Jahren hielt sie es nicht mehr aus. Musste weg von Zuhause, weg von dem Ort, an dem sie niemand verstehen konnte. „Danach war ich überall und nirgendwo, bei Freunden, lebte auf der Straße und landete schließlich in Paris.“ Der Stadt der Liebe und, wie sie meint, der absoluten Weiblichkeit.
Hier lebte sie das erste Mal als Frau. Ging in Kleidern auf die Straße und kaufte sich eine Perücke: „Meine erste Perücke“, sagt sie. Ihre Lippen sind voll, rund und weiblich, nicht zu dick, aber wohlgeformt. Nervös beisst sie sich immer wieder darauf, ertappt sich dabei und entschuldigt sich verlegen: „In Paris beerdigte ich meine Identität als Junge, legte ihn sozusagen ad acta – du glaubst nicht, wie gut das tat“, erzählt sie und schüttelt den Kopf, streckt ihren Rücken und konzentriert sich erneut.
In Paris fand sie ihre große Liebe. Ihre große männliche Liebe: „Ich hatte vorher noch nie etwas mit einem Mädchen angefangen, aber fühlte mich auch nie zu einem Jungen hingezogen. Erst als ich auch äußerlich zu Natalie wurde, empfand ich etwas für Männer“, beschwört sie und kann es selber kaum fassen. Damals konnte sie ja noch nicht wissen, dass dies bei siebzig Prozent aller transsexuellen Menschen so ist. Dass sie ihre wahre Sexualität erst erleben können, wenn sie herausgefunden haben, wer sie sind, welche Bedürfnisse sie haben und sie die neue Identität zu leben beginnen.
Wenn Sex der letzte Ausweg ist
Paris war nicht lange ihre Stadt – die Stadt ihrer großen Liebe. Nach sechs Monaten in Paris begleitete sie eine Freundin nach Italien, wo sie sich das erste Mal prostituierte, um ein Hotelzimmer zu bezahlen: „Als ich in das Auto meines Freiers stieg, überkam mich ein Ekel vor mir selber. Wie sollte ich dem Mann erklären das ich noch keine komplette Frau bin?“ Natalie schluckt, blickt fast panisch mit ihren Augen in die Luft und ergänzt: „Er hat mich eiskalt rausgeschmissen. Angewidert die Türe geöffnet und mich rauschgeschmissen.“ Einfach vor die Türe gesetzt, so wie ihre Eltern damals.
Ein transsexuelles Mädchen sitzt in einem kleinen Café und schüttet ihr Herz aus. Ihre Augen starren dann ins Leere, ihre Stimme wird heiserer und die Hände zittern. Nach dem Vorfall in Italien kam sie nach Köln. Per Anhalter. Allein. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Alleine, ohne ein Zuhause. Ich wusste einfach nicht wohin.“ Eine flüchtige Bekannte erzählte ihr dann vom Pascha.

Natalie mit ihrem Welpen Benni
Und da ist sie nun. Angekommen in ihrem neuen Zuhause, in einer vorübergehenden Situation, wie sie hofft. Das Pascha sorgt gut für sie. Sagt sie. Sie bekommt ihre Hormone, absolviert ihre Stunden beim Psychiater und hat ein Dach über dem Kopf: „Und ich habe Benni“, sprudelt es aus ihr heraus, dann nimmt sie den kleinen Welpen und drückt ihn. Mehr…